Hinweis zur Studiensammlung: Studien liefern keine endgültigen Wahrheiten und beweisen nicht automatisch Ursache und Wirkung. Sie geben jedoch wissenschaftlich fundierte Hinweise auf mögliche Zusammenhänge und Auswirkungen.

Chronischer Stress ist mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten verbunden. In Meta Analysen zeigte sich bei sozialer Isolation ein ungefähr 51 Prozent und bei Arbeitsstress ein ungefähr 34 Prozent erhöhtes Risiko. Akuter emotionaler Stress kann zusätzlich als unmittelbarer Auslöser wirken: Nach Wut, emotionalem Stress oder depressiver Stimmung war die Rate eines akuten Koronarsyndroms ungefähr 2,48 Mal erhöht. Psychischer Stress aktiviert das sympathische Nervensystem und kann Blutdruck, Gefässreaktionen, Entzündungsprozesse, die Aktivität der Blutplättchen und die Blutgerinnung beeinflussen. Bei Menschen mit bereits fortgeschrittenen Veränderungen der Herzkranzgefässe können diese Prozesse eine Minderdurchblutung, Herzrhythmusstörungen oder ein akutes Herzereignis begünstigen. Die Befunde stammen jedoch überwiegend aus Beobachtungsstudien und belegen keine ausschliessliche Kausalität. Auch ist bisher nicht eindeutig nachgewiesen, dass Stressreduktion allein Herzinfarkte verhindert.
Steptoe, A., & Kivimäki, M. (2013). Stress and cardiovascular disease: An update on current knowledge. Annual Review of Public Health, 34, 337–354. https://doi.org/10.1146/annurev-publhealth-031912-114452

Eine systematische Review von 61 prospektiven Studien untersuchte die späteren Folgen von Burnout. Für die vertiefte Auswertung wurden 36 Kohortenstudien berücksichtigt, die festgelegte methodische Qualitätskriterien erfüllten. Burnout war mit zahlreichen späteren körperlichen Beeinträchtigungen verbunden. Dazu gehörten koronare Herzkrankheiten, Spitaleinweisungen aufgrund von Herz Kreislauf Erkrankungen, erhöhte Cholesterinwerte, Typ 2 Diabetes, muskuloskelettale Schmerzen, anhaltende Müdigkeit, Magen Darm Beschwerden, Atemwegsprobleme, schwere Verletzungen und eine erhöhte Sterblichkeit bei Personen unter 45 Jahren. Besonders konsistent waren die Befunde für Herz Kreislauf Erkrankungen und muskuloskelettale Schmerzen. Zudem sagte Burnout spätere depressive Symptome, die Einnahme von Psychopharmaka und Antidepressiva, Arbeitsunzufriedenheit, häufigere und längere krankheitsbedingte Abwesenheiten sowie ein erhöhtes Risiko für eine spätere Invaliditätsrente voraus. Als mögliche Mechanismen werden Veränderungen der Stressregulation, des autonomen Nervensystems, des Stoffwechsels, des Immunsystems, der Entzündungsprozesse und der Blutgerinnung sowie ungünstiges Gesundheitsverhalten diskutiert. Aufgrund grosser Unterschiede zwischen den Studien konnte keine Meta Analyse durchgeführt werden. Die Ergebnisse zeigen zeitlich vorausgehende Zusammenhänge, beweisen jedoch nicht, dass Burnout die untersuchten Folgen allein verursacht. Einige Folgen, darunter Typ 2 Diabetes, schwere Verletzungen und erhöhte Sterblichkeit unter 45 Jahren, wurden zudem jeweils nur in einzelnen Studien nachgewiesen und müssen deshalb vorsichtig interpretiert werden.
Salvagioni, D. A. J., Melanda, F. N., Mesas, A. E., González, A. D., Gabani, F. L., & Andrade, S. M. de. (2017). Physical, psychological and occupational consequences of job burnout: A systematic review of prospective studies. PLOS ONE, 12(10), e0185781. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185781

Eine Meta Analyse von sechs prospektiven Kohortenstudien mit insgesamt 118’696 Personen ergab, dass hoher wahrgenommener Stress mit einem um 27 Prozent erhöhten Risiko für eine neu auftretende koronare Herzkrankheit verbunden war. Klassische Risikofaktoren wie Alter, Blutdruck, Rauchen und Cholesterin wurden statistisch berücksichtigt. Die Ergebnisse belegen einen Zusammenhang, jedoch keine eindeutige Kausalität.
Richardson, S., Shaffer, J. A., Falzon, L., Krupka, D., Davidson, K. W., & Edmondson, D. (2012). Meta analysis of perceived stress and its association with incident coronary heart disease. The American Journal of Cardiology, 110(12), 1711–1716. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2012.08.004

Eine systematische Review mit Meta Analyse zeigte, dass die Rate eines Herzinfarkts oder akuten Koronarsyndroms in den zwei Stunden nach einem Wutausbruch durchschnittlich 4,74 Mal höher war als zu anderen Zeiten. Für Herzinfarkte allein war die Rate 3,52 Mal erhöht. Psychischer Stress versetzt den Körper kurzfristig in Alarmbereitschaft. Herzfrequenz, Blutdruck und Gefässwiderstand steigen. Gleichzeitig können Entzündungsprozesse und die Blutgerinnung verstärkt werden. Bei bereits gefährdeten Personen kann dies ein akutes Herzereignis begünstigen. Das absolute zusätzliche Risiko bleibt bei seltenen Wutausbrüchen und niedrigem kardiovaskulärem Grundrisiko jedoch gering. Aufgrund des beobachtenden Studiendesigns und der grossen Unterschiede zwischen den eingeschlossenen Studien ist kein eindeutiger kausaler Nachweis möglich.
Mostofsky, E., Penner, E. A., & Mittleman, M. A. (2014). Outbursts of anger as a trigger of acute cardiovascular events: A systematic review and meta analysis. European Heart Journal, 35(21), 1404–1410. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehu033

Eine Meta Analyse von 190 experimentellen Studien mit 306 Vergleichen zeigt, dass gezielt eingesetzte Emotionsregulationsstrategien emotionale Reaktionen beeinflussen können. Am wirksamsten waren kognitive Strategien, welche die Bewertung einer Situation oder die eingenommene Perspektive veränderten. Kognitive Veränderung zeigte insgesamt einen kleinen bis mittleren Effekt von d = 0,36, während Perspektivübernahme einen Effekt von d = 0,45 erreichte. Aktive Ablenkung konnte Emotionen kurzfristig reduzieren, während die intensive Konzentration auf Gefühle sowie deren Ursachen und Folgen die emotionale Belastung eher verstärkte. Das Unterdrücken des sichtbaren Emotionsausdrucks veränderte vor allem das nach aussen erkennbare Verhalten, reduzierte das innere Erleben kaum und war mit einer erhöhten körperlichen Aktivierung verbunden. Die Ergebnisse belegen somit die kurzfristige Beeinflussbarkeit emotionaler Reaktionen, erlauben aber keine direkten Aussagen über die langfristige Reduktion von Arbeitsstress, Burnout oder Erkrankungsrisiken.
Webb, T. L., Miles, E., & Sheeran, P. (2012). Dealing with feeling: A meta-analysis of the effectiveness of strategies derived from the process model of emotion regulation. Psychological Bulletin, 138(4), 775–808. https://doi.org/10.1037/a0027600

Die WHO und die ILO kommen zu dem Ergebnis, dass sehr lange Arbeitszeiten einen bedeutenden beruflichen Gesundheitsrisikofaktor darstellen. Bei mindestens 55 Arbeitsstunden pro Woche war das Risiko eines Schlaganfalls um 35 Prozent erhöht. Das Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu sterben, war um 17 Prozent erhöht. Für das Jahr 2016 wurden weltweit rund 745’000 Todesfälle durch Herzkrankheiten und Schlaganfälle langen Arbeitszeiten zugerechnet. Als mögliche Mechanismen werden körperliche Stressreaktionen, beeinträchtigter Schlaf und fehlende Erholung sowie ungünstiges Gesundheitsverhalten diskutiert. Da die Berechnungen auf Beobachtungsdaten und statistischen Modellen beruhen, beschreiben sie eine gesundheitliche Risikobelastung, beweisen aber nicht, dass lange Arbeitszeiten bei einer bestimmten Person unmittelbar einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen.
Pega, F., Náfrádi, B., Momen, N. C., Ujita, Y., Streicher, K. N., Prüss-Üstün, A. et al. (2021). Global, regional, and national burdens of ischemic heart disease and stroke attributable to exposure to long working hours for 194 countries, 2000–2016: A systematic analysis from the WHO/ILO Joint Estimates of the Work-related Burden of Disease and Injury. Environment International, 154, 106595. https://doi.org/10.1016/j.envint.2021.106595